Taststraße

Thema

Wahrnehmung, Achtsamkeit, Sinne

Zeitaufwand

ca. 45–90 Minuten (je nach Gruppengröße)

Gruppengröße

Einzelarbeit möglich, Kleingruppen oder gesamte Gruppe

Kurzbeschreibung

Die Taststraße ist eine sinnesorientierte Entdeckungs- und Lernmethode, bei der die Teilnehmenden unterschiedliche Materialien und Gegenstände über den Tastsinn kennenlernen. Sehen tritt in den Hintergrund oder wird ganz ausgeschlossen, je nach Bedürfnissen der Teilnehmenden.

Barrierefreiheit

  • Durchführung mit offenen oder geschlossenen Augen möglich
  • Taktile, visuelle und verbale Unterstützung einsetzbar
  • Flexible Rollen (tasten, beschreiben, zuordnen)
  • Anpassbare Materialien für motorische oder sensorische Bedürfnisse

Benötigtes Material

Grundmaterial

  • 5–12 Kisten, Körbe oder blickdichte Beutel
  • verschiedene Materialien / Gegenstände mit klar unterscheidbaren Eigenschaften, zum Beispiel:
    • Naturmaterialien: Steine, Kastanien, Zapfen, Muscheln
    • Alltagsmaterialien: Schwämme, Bürsten, Holzklötze, Gummibälle
    • Texturen: Fell, Filz, Stoffreste, Alufolie, Schmirgelpapier
    • Sonstiges: kleine Spielzeuge, Haushaltsgegenstände

Optionales Material

  • Augenbinden
  • Bild- oder Symbolkarten für Kategorien
  • taktile Symbole (Stoffproben, Reliefkarten)
  • Desinfektionstücher (Hygiene)

Die Taststraße fördert insbesondere:

  • taktile und sensorische Wahrnehmung
  • Konzentration und Achtsamkeit
  • Sprachentwicklung durch Beschreiben und Vergleichen
  • Teamarbeit und Perspektivwechsel
  • Selbstwirksamkeit („Ich traue meinen Sinnen“)
  • respektvollen Umgang mit individuellen Grenzen
  • Kinder ab ca. 4 Jahren
  • Schulkinder
  • Jugendliche

Aufbau der Taststraße

  • Kisten/Körbe in einer Reihe oder im Kreis platzieren
  • Jede Kiste enthält eine oder mehrere Texturen, die sich deutlich unterscheiden, zum Beispiel weich und hart; glatt und rau; leicht und schwer
  • Kisten nicht beschriften und möglichst blickdicht gestalten
  • Ziel: Das Fühlen steht im Mittelpunkt, nicht das Erkennen durch Sehen.

Ablauf

Einführung

Die Erklärung sollte ruhig, wertfrei und ermutigend sein.
Beispielsatz: „Heute dürft ihr mit euren Händen entdecken, was sich in den Kisten befindet. Es gibt kein richtig oder falsch. Jede Wahrnehmung ist erlaubt.“
Wichtige Hinweise:
Mit den Händen fühlen, nicht hineinschauen (außer bei Bedarf).
Jedes Kind darf Pause machen oder eine Kiste überspringen.
Niemand muss alles anfassen.
Besonders bei sensiblen Kindern: Vorher ankündigen, welche Materialien vorkommen könnten und Wahlmöglichkeiten geben.

Erkundungsphase

  • Jedes Kind tastet eine Kiste nach der anderen
  • Pro Kiste ca. 30 Sekunden bis 2 Minuten (je nach Gruppe)

Varianten der Erkundung

  • mit verbundenen Augen
  • mit offenen Augen (für mehr Sicherheit oder für Jugendliche, die visuelle Unterstützung benötigen)
  • im Team:
    • eine Person tastet
    • eine Person beschreibt oder notiert

Wichtig: Es geht nicht ums Erraten, sondern ums Beschreiben von Empfindungen.

Kategorisierung

Nach dem Tasten werden die Materialien geordnet oder zugeordnet.

Mögliche Kategorien:

  • Materialart: Holz, Stoff, Metall, Naturmaterial
  • Eigenschaften: weich/hart, glatt/rau, warm/kalt
  • Form: rund, eckig, lang, klein
  • Nutzung: rollen, drücken, stapeln, kneten
  • Emotionen: „fühlt sich gemütlich an“; „fühlt sich spannend an“; „fühlt sich unangenehm an“

verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten:

  • Die Kinder sortieren Gegenstände auf Bodenmatten mit Symbolkarten.
  • Kinder mit Sehbehinderung ordnen sie zu taktilen Symbolen (zum Beispiel verschiedene Stoffmuster).
  • Kinder beschreiben den Gegenstand und eine andere Person entscheidet, zu welcher Kategorie er passt.

Austausch- und Reflexionsrunde

Diese Phase ist zentral für Lernen, Sprache und Selbstwahrnehmung.

Mögliche Leitfragen:

  • Wie hat sich der Gegenstand angefühlt?
  • Was war leicht oder schwer zu erkennen?
  • Gab es Überraschungen?
  • Waren sich alle einig oder gab es Unterschiede?
  • Auch nonverbale Beiträge (zeigen, fühlen lassen, Symbole legen) sind ausdrücklich erlaubt.

Inklusive Gestaltungsmöglichkeiten und Variationen

Inklusive Gestaltungsmöglichkeiten:

  • Für blinde oder sehbehinderte Kinder/Jugendliche:
    • Stark kontrastierende Oberflächen
    • Taktile Symbole als Kategorien
    • Verbale Begleitung ohne Lösungsverrat
  • Für Kinder mit motorischen Einschränkungen:
    • Rutschfeste Kisten auf Tischhöhe
    • Größere, gut greifbare Gegenstände
  • Für autistische Kinder / sensorisch sensible Kinder/Jugendliche:
    • Materialien vorher ankündigen
    • Möglichkeit zum Überspringen
    • Rückzugsoptionen schaffen
  • Für Kinder/Jugendliche mit kognitiven Einschränkungen:
    • Wenige, klare Kategorien
    • Teamarbeit statt Einzelaufgaben

Variationen:

  • Tast-Memory: Gegenstände ertasten und Paare finden
  • Gemeinschafts-Sortieren: Alle ordnen gemeinsam
  • Kreativvariante: Materialien anschließend zu einer Collage verarbeiten
  • Jugendliche: Eigene Kategorien erfinden oder Challenges erstellen

Abschluss

Ein wertschätzender Abschluss kann sein:

  • gemeinsames Aufräumen
  • Lieblingsmaterial benennen
  • kurzer Abschlusskreis: „Eine Sache, die sich gut angefühlt hat“

Pädagogische Hinweise

  • Freiwilligkeit respektieren
  • Sinneseindrücke nicht bewerten
  • Tempo und Umfang an Gruppe anpassen
  • Vielfalt der Wahrnehmung wertschätzen